Mit seinen 24 Kliniken, 19 Abteilungen, sechs Instituten und 1.300 Betten umfasst das Universitätsklinikum Erlangen alle Bereiche der modernen Medizin. Erlanger Forschungsergebnisse setzen Maßstäbe in den Bereichen Prävention, Diagnose und Therapie – den Aufgaben, mit denen die 6000 Mitarbeiter täglich betraut sind.

Vom Skills Training zu In-Situ-Simulationen

Chief Pediatrician Michael ScrothWenn der diensthabende Arzt nicht weiß, wie er mit der Gerätschaft umgehen soll, ist es wenig hilfreich, wenn der Patient mit einem Beatmungsbeutel ausgestattet aus dem OP in den Aufwachraum verlegt wird. Für den Leiter der pädiatrischen Intensivmedizin PD Dr. med Michael Schroth zeigt dieses Beispiel, dass besonders junge Ärzte gerade dann, wenn es besonders wichtig ist, oft nicht in der Lage sind, eine sichere und wirksame Patientenversorgung zu gewährleisten.

Das Skills Training wurde zwar schon vor zehn Jahren in Erlangen eingeführt, doch nach der Überzeugung von Dr. Schroth ließen sich wesentlich bessere Ergebnisse erzielen, wenn die Kollegen gemeinsam und unter Einsatz der üblicherweise von ihnen verwendeten Materialien und Geräte trainieren könnten. 2007 wurde der Simulator SimBaby angeschafft. Es ging nun darum, einen geeigneten Ort für die Aufstellung der Trainingsgeräte zu finden.

Einrichtung eines Trainingsorts

Dr. Schroth räumte einen Teil seines eigenen Büros und konnte so die wenigen Quadratmeter zur Verfügung stellen, die für die Aufstellung der Systeme notwendig waren. Es wurden noch zwei Wände eingezogen, um einen kleinen Simulationsraum in einer Ecke zu schaffen. Die gegenüberliegende Ecke des Büros wurde zu einem Debriefing- und Kontrollbereich umfunktioniert. Von dort aus können die Kollegen über einen an der Wand aufgehängten Bildschirm die Arbeit der gerade aktiven Teilnehmer beobachten und von diesen lernen. 

The new training facility showing SimBaby in a hospital crib, crash cart and monitor equipment.

The new training facility showing crash cart and office desk. 

The simulation facilities integrated with Dr Schroth's office.

Erste deutsche Klinik führt In-situ-Training ein

„Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich mit der Einführung des In-situ-Trainings 2008 ziemlich spät dran war. Doch dann stellte sich heraus, dass ich der erste in Deutschland war, der diesen Schritt wagte.“ Dr. Schroth zufolge waren die Kollegen zunächst skeptisch. Sie hatten Sorge, dass nicht genügend Zeit für Trainings bleiben würde, selbst wenn die Trainingsgeräte direkt auf Station zur Verfügung stehen. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass das Training vor Ort effizienter und gleichermaßen effektiv ist:

„Die Teilnehmer werden sich ihrer persönlichen Grenzen sehr schnell bewusst. Jüngeren Ärzten fällt es viel leichter, ihren Trainingsbedarf zu akzeptieren, wenn sie sehen, dass die erfahrenen Kollegen ebenfalls trainieren. Dann ist es nicht so peinlich, die eigenen Unzulänglichkeiten offen zu zeigen.

Sie lernen dabei außerdem, genau hinzusehen. Jetzt richten sie ihr Augenmerk auf das Kind (Simulator) und nicht auf die Monitore, wie das zu Beginn des vollständig immersiven Simulationstrainings der Fall war. Die Teilnehmer erleben wirklich alles aktiv und vor Ort mit. Sie üben mit demselben Notfallwagen und kennen ihre Geräte.

Das In-situ-Training befähigt uns, sozusagen spontan einzugreifen. Wir können die Kollegen beiseite nehmen und sofort auf die Vorfälle eingehen, die gerade passiert sind. Die Szenarien lassen sich auf die in der Realität vorkommenden Notfallsituationen zuschneiden. Sie können so auf die Lernziele abgestimmt werden, die sich während des Trainings herauskristallisiert haben. 

Es ist erstaunlich zu beobachten, wie sich die Studenten noch Jahre später an fast alle Szenarien erinnern, die sie durchlaufen haben. Nachdem die Teilnehmer 80 % des Lehrplans absolviert haben, haben sie mehr oder weniger das gesamte Wissen, das sie benötigen, einmal durchgenommen. 

Dieses Training befähigt junge Ärzte, Notfallsituationen schneller zu erkennen. Sie wissen dann, dass sie Situationen meistern können, bis ein Oberarzt kommt. Dadurch gewinnen sie ungemein an Vertrauen.“  

Dr Hans-Georg Topf Dr. Hans-Georg Topf, einer der Erlanger Simulationsinstruktoren, ist ebenfalls begeistert. „Mir gefällt besonders, dass es für jede beliebige Teilnehmergruppe das richtige Szenario für den erforderlichen Qualifikationsgrad gibt. Die Studenten bescheinigen dem Training, dass es ihnen das notwendige Wissen für den praktischen Einsatz vermittelt. Statt lange nachzudenken, was sie in einer bestimmten Situation tun würden oder sollten,  tun sie es jetzt einfach.   

Lehrplan

Das Universitätsklinikum Erlangen hat eine Reihe von Szenarien ausgearbeitet, die denen auf der Kinder- und Neugeborenstationen am häufigsten auftretenden Krankheitsbildern und Notfallsituationen entspricht. Auf Interaktion und Teamarbeit wird großer Wert gelegt. Angebotene Szenarien:

  • Basic Life Support
  • Basic Life Support bei Neugeborenen
  • Bradykardie bei Neugeborenen
  • Bronchiolitis und Atemwegserkrankungen
  • plötzlicher Herztod
  • Gehirnerschütterung
  • Exsikkose und Gastroenteritis
  • Meningitis
  • Stoffwechselstörungen
  • Infektionen bei Neugeborenen (SIRS)
  • Krampfanfälle
  • Tachykardie (SVT) bei Neugeborenen

Teilnehmer, Häufigkeit und Dauer des Trainings

Alle in den Intensivstationen für Kinder, Neugeborene und Erwachsene beschäftigten Ärzte müssenalle drei Monate mindestens ein angeleitetes Simulationstraining absolvieren. 

Wenn es sich zeitlich einrichten lässt, findet täglich ein Training statt. Diese Trainingsstunden werden zumeist in der ausgewiesenen Trainingseinrichtung auf Station abgehalten. Wieder andere finden in der Notaufnahme oder in anderen Bereichen der Kinderklinik statt. 

Ärzte und Pflegepersonal trainieren gelegentlich gemeinsam. Bei der Mehrzahl der Teilnehmer handelt es sich jedoch um Ärzte und Medizinstudenten (an Wochentagen) sowie um externe Teilnehmer (an den Wochenenden). 

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