Inhalt überspringen

3 Studien, die zeigen, wie Simulation die Versorgungsqualität auf der neonatologischen Intensivstation verbessert

In diesem Artikel stellen wir drei Beispiele vor, wie Krankenhäuser In-situ-Simulation eingesetzt haben, um die Versorgungsqualität auf der NICU zu verbessern und die Sicherheit ihrer besonders vulnerablen Patienten zu erhöhen.

 

Patienten auf der neonatologischen Intensivstation (NICU) sind aufgrund ihres Entwicklungsstands und der Komplexität ihrer Versorgung besonders vulnerabel. In diesem hochspezialisierten Umfeld können medizinische Fehler besonders schwerwiegende Folgen haben.

Traditionell konzentrierten sich Verbesserungsmaßnahmen vor allem auf die Leistung einzelner Personen. Das kann kurzfristig positive Ergebnisse erzielen. Bleibt dies jedoch der einzige Ansatz, erreichen Verbesserungsinitiativen häufig ihre Grenzen. Die Folge können Burnout, emotionale Erschöpfung, Mitgefühlsmüdigkeit und sogar moralischer Stress sein, wenn Mitarbeitende notwendige Veränderungen erkennen, aber nicht die Möglichkeit sehen, diese umzusetzen.

Vor diesem Hintergrund erkennen Führungskräfte auf der NICU, Risikomanager und Qualitätsverantwortliche zunehmend, dass die meisten unerwünschten Ereignisse nicht auf einzelne Fachkräfte zurückzuführen sind, sondern auf Schwachstellen im Versorgungssystem.

 

 

„Selbst ein noch so gut ausgebildetes Team kann in einem suboptimalen Umfeld keine Versorgung auf höchstem Niveau leisten.“1   

- Dr. Jens-Christian Schwindt, 
Neonatologe

Dr. Jens-Christian Schwindt

Bevor wir beginnen: Ein neuer Trend in der Simulation

Das zunehmende Verständnis, dass „Systemversagen“ nicht auf das Fehlverhalten Einzelner, sondern auf Schwachstellen in Abläufen und Systemen zurückzuführen ist, hat die Entwicklung eines neuen Paradigmas in der Simulation vorangetrieben: die translationale Simulation.

Translationale Simulation bezeichnet den Einsatz von Simulation, um reale klinische Systeme, Prozesse und Umgebungen zu identifizieren, zu testen und gezielt zu verbessern, um die Versorgungsqualität und Behandlungsergebnisse zu optimieren.

Ein zentrales Element der translationalen Simulation ist die In-situ-Simulation, also Simulation, die direkt in der realen klinischen Umgebung stattfindet. Indem „die tatsächliche Arbeitsweise“ statt der „vorgestellten Arbeitsweise“ getestet wird, hilft die In-situ-Simulation dabei, latente Sicherheitsrisiken (Latent Safety Threats, LSTs) aufzudecken.

LSTs werden oft als „Unfälle, die nur darauf warten zu passieren“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um verborgene Schwachstellen in Ausstattung, Umgebung oder Prozessen, die häufig unbemerkt bleiben, bis sie zu einer Gefährdung von Patienten beitragen.

„Das Besondere an der In-situ-Simulation ist, dass sie medizinischen Teams ermöglicht, genau dort zu trainieren, wo es darauf ankommt: in ihrer eigenen klinischen Umgebung und unter realen Bedingungen,“2 erklärt Dr. Jens-Christian Schwindt, Neonatologe. 

Several healthcare workers working together on NICU simulation training.

Beispiel 1: Versteckte Schwachstellen in der Reanimationsumgebung aufdecken

Im Rahmen einer multizentrischen Studie wurden an neun österreichischen Krankenhäusern interdisziplinäre In-situ-Simulationen zur Neonatalreanimation durchgeführt.3 Ziel war es, in den ersten Simulationen latente Sicherheitsrisiken (LSTs) zu identifizieren und anschließend zu überprüfen, ob diese in Folgesimulationen erneut auftraten oder erfolgreich behoben werden konnten.

Um ein möglichst hohes Maß an Realitätsnähe zu gewährleisten, kam SimNewB® zum Einsatz, ein kabelloser Neugeborenen-Simulator, der speziell für In-situ-Trainings entwickelt wurde.

Insgesamt wurden im Rahmen der Simulationen 400 latente Sicherheitsrisiken identifiziert, darunter in Bereichen wie:

 

Ausstattung, Umgebung und Ergonomie
  • Defekte, ungeeignete oder inkompatible Geräte
  • Ergonomisch ungünstig positionierte Ausstattung
Systeme, Abläufe und Ressourcen
  • Unzureichende Personalausstattung
  • Mangelhafte Kommunikationssysteme
  • Probleme bei der Aktivierung von Alarmierungs- und Eskalationsabläufen
Wissen, Kompetenzen
und Training
  • Individuelle und aufgabenspezifische Wissenslücken, einschließlich der korrekten Einrichtung des T-Stück-Beatmungssystems

Wesentliche Verbesserungen im Verlauf der Simulationen:

 

Ausstattung, Umgebung,
und Ergonomie

Die Anzahl der identifizierten Risiken wurde von einer Simulation zur nächsten um 62 % reduziert.

Wissen, Kompetenzen,
und Training

Die Anzahl der identifizierten Risiken wurde von einer Simulation zur nächsten um 45 % reduziert.

In der Kategorie Systeme, Abläufe und Ressourcen fiel die Reduzierung der latenten Sicherheitsrisiken geringer aus: Von einer Simulation zur nächsten verringerte sich ihre Zahl um lediglich 10 %. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Herausforderungen in diesem Bereich komplexer zu lösen sind und mehr Zeit sowie zusätzliche Ressourcen erfordern, um sie wirksam zu beheben.

Letztlich unterstreicht diese Studie die Wirksamkeit von Simulationen bei der Identifizierung, Reduzierung und nachhaltigen Beseitigung latenter Sicherheitsrisiken im klinischen Umfeld.

Two nurses wearing yellow operating clothes. One of them is holding a newborn manikin.

Beispiel 2: Stresstest für einen kritischen Umzug

Ein großes Kinderkrankenhaus musste 70 schwerkranke Neugeborene in ein neues Gebäude für Intensivpflege transferieren.4 Zur Vorbereitung nutzte das Team Simulationen, um jedes Detail des Umzugsplans zu testen und Risiken zu minimieren, bevor der erste Patient transportiert wurde.

Insgesamt wurden sechs intensive Simulationsdurchläufe durchgeführt, bei denen die Verlegung der NICU-Patienten von der bisherigen auf die neue Station realitätsnah nachgestellt wurde. Dabei identifizierten die Teams wichtige Schwachstellen und entwickelten geeignete Gegenmaßnahmen:

 

Durch Simulation identifiziertes Problem
Lösung

Engstellen auf den Transportwegen für kritisch kranke Patienten
Die Simulation zeigte, dass beatmete Neugeborene mit laufenden intravenösen Infusionen aufgrund der räumlichen Gegebenheiten die geplante Route nicht sicher passieren konnten.

Für diese Patienten wurden alternative Transportwege festgelegt.

Mängel in der baulichen Umgebung
Während eines Transports wurde der Simulator an einer Bodenfuge mit unebenem Übergang zwischen dem alten und neuen Gebäudebereich versehentlich extubiert.

Das Team passte die Transportabläufe an und bewegte Patienten in diesem Bereich mit besonderer Vorsicht.

Defizite bei Ausstattung und Verbrauchsmaterialien
Die Notfallmedikationssets enthielten nicht alle erforderlichen Spritzen und Sedativa. 

Jede Pflegekraft führte ein separates Set mit Spritzen und wichtigen Notfallmedikamenten für den schnellen Zugriff mit.

 

Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Alle 70 Patienten konnten innerhalb von 6,5 Stunden sicher verlegt werden, also in nahezu der Hälfte der ursprünglich veranschlagten Zeit. Zudem kam es zu keinerlei sicherheitsrelevanten Ereignissen oder Notfallaktivierungen.

Diese Studie zeigt, wie simulationsbasierte Systemtests dazu beitragen können, die operative Einsatzbereitschaft vor komplexen Veränderungen im klinischen Alltag sicherzustellen.

A top-down view of two healthcare providers in protective gear using stethoscopes to assess an infant patient simulator during high-fidelity training.

Beispiel 3: Patientensicherheit durch kontinuierliche Zusammenarbeit nachhaltig stärken

Ein wesentlicher Vorteil von Simulationen besteht darin, dass sie unterschiedliche Berufsgruppen im gemeinsamen Problemlösungsprozess zusammenbringen. Eine achtjährige Langzeitstudie untersuchte, wie sich regelmäßige In-situ-Simulationen auf latente Sicherheitsrisiken (LSTs) in der NICU eines regionalen Krankenhauses auswirkten.5 Insgesamt wurden 13 interdisziplinäre Simulationen mit Anästhesisten, Geburtshelfern, Hebammen, Pflegekräften und Kinderärzten durchgeführt.

Dabei wurden 67 latente Sicherheitsrisiken identifiziert, darunter:

  • Problem mit medizinischer Ausstattung: EKG-Elektroden waren nicht mit den Monitoren verbunden und Geräte waren nicht betriebsbereit. Dies wurde durch verbesserte Abläufe behoben.
  • Problem mit medizinischer Ausstattung: Der Absaugbehälter am Reanimationstisch war zu klein dimensioniert.
  • Problem mit Protokollen: Veraltete Reanimationsalgorithmen wurden durch aktuelle evidenzbasierte Leitlinien ersetzt.

Die Auswirkungen waren eindeutig:

  • ✓91 % der latenten Sicherheitsrisiken konnten bis zur jeweils nächsten Simulation behoben werden.
  • ✓Mit jedem weiteren Simulationszyklus wurden weniger LSTs identifiziert, was schließlich zu einem deutlichen Rückgang der Sicherheitsrisiken führte. Dies lieferte einen klaren Nachweis für eine nachhaltige Verbesserung des Versorgungssystems.

Als das in situ-Simulationsprogramm während der COVID-19-Pandemie ausgesetzt wurde, nahm die Zahl der latenten Sicherheitsrisiken erneut zu. Dies unterstreicht, dass regelmäßige Simulation ein entscheidender Faktor für die nachhaltige Sicherung der Patientensicherheit ist.

A close-up view of an adult's hand gently supporting the small arm and hand of a newborn baby.

„Die Zukunft der Patientensicherheit in der Neonatologie und im gesamten Gesundheitswesen hängt von kontinuierlichen Anstrengungen ab, Systeme zu entwickeln und neu zu gestalten, die die Menschen bestmöglich unterstützen, die an vorderster Front eine sichere Patientenversorgung gewährleisten.“6   

- Dr. Lou Halamek
Professor, Division of Neonatal and Developmental Medicine, Department of Pediatrics
Division of Maternal-Fetal Medicine, Department of Gynecology and Obstetrics
Stanford University

dr. Lou Halamek

Bereit, In-situ-Simulation einzusetzen, um die Versorgungsqualität auf Ihrer NICU zu verbessern? Hier sind drei Tipps für den Einstieg.

1. Setzen Sie auf realitätsnahe Neugeborenen-Simulatoren.
 
Um die tatsächlichen Auswirkungen latenter Sicherheitsrisiken zu testen und Verbesserungen zu bewerten, bevor reale Patienten betroffen sind, sollten Sie hochrealistische Neugeborenen-Simulatoren wie die termingeborenen Emily/Emma oder den Frühgeborenen-Simulator Paul einsetzen. Diese Simulatoren verfügen über realistische innere Strukturen sowie lebensnahe Gesichts- und Hautmerkmale. Die Kombination aus moderner Technologie und authentischem Erscheinungsbild macht Simulationen zu einem umfassenden, realitätsnahen Erlebnis.

Play icon

2. Zeichnen Sie Ihre Simulationen auf.  
 

Der Einsatz eines kabellosen Systems zur Aufzeichnung von Simulationen, wie der SimCapture Mobile Camera App, ermöglicht es, In-situ-Simulationen direkt in der klinischen Umgebung aufzuzeichnen. Sehen Sie sich die Aufnahmen anschließend erneut an, markieren Sie wichtige Momente und nutzen Sie diese für strukturierte Debriefings mit Ihrem Team. Die Videoaufzeichnungen ermöglichen den Beteiligten einen Blick auf ihr eigenes Handeln aus einer Außenperspektive und helfen dabei zu erkennen, wie die Systeme und Rahmenbedingungen, in denen sie arbeiten, ihre Leistung beeinflussen können.

data icon

3. Nutzen Sie Simulationsdaten gezielt für kontinuierliche Verbesserungen.
 
Simulationen liefern eine Vielzahl wertvoller Leistungsdaten. Ein Simulationsmanagementsystem wie SimCapture hilft dabei, diese Daten strukturiert auszuwerten und in aussagekräftige, praxisrelevante Erkenntnisse umzuwandeln. So können Sie Entwicklungen über einen längeren Zeitraum verfolgen, Verbesserungspotenziale identifizieren und die gewonnenen Erkenntnisse für eine kontinuierliche Qualitätsverbesserung auf Ihrer NICU nutzen.

Wir treiben spannende Entwicklungen im Bereich der Qualitätsverbesserung im Gesundheitswesen voran. Besuchen Sie unseren Healthcare Quality Improvement Hub, um weitere Ressourcen zu entdecken, und sprechen Sie mit einem Laerdal Ansprechpartner darüber, wie wir Sie bei Ihren Initiativen zur Qualitätsverbesserung unterstützen können.

Das könnte Sie auch interessieren ...

Kontaktieren Sie uns für Lösungen zur Verbesserung der Gesundheitsqualität

Wie können wir behilflich sein?
Consent

Wir behandeln Ihre persönlichen Kontaktdaten mit Sorgfalt, wie in der Datenschutzrichtlinie von Laerdal beschrieben.

Referenzen

  1. Schwindt, J.C. (2025). What makes in situ simulation so powerful is that it allows medical teams to train right where it matters most: in their own clinical environment, under real-world conditions. Linkedin.com. https://www.linkedin.com/posts/jens-christian-schwindt-2101486b_trainsafelycaresafely-whensimcharactersmeetslaerdal-activity-7336831875979608064-Aaxi/
  2. Ibid.
  3. Schwindt, J.-C., Stockenhuber, R., Haider, S., Schadler, B., & Schwindt, E. (2025). Identifying and Mitigating Latent Safety Threats in Neonatal Resuscitation Rooms Across Nine Hospitals Through In Situ Simulation Training. Journal of Patient Safety. https://doi.org/10.1097/pts.0000000000001373
  4. Casey, S. L., DeBra, R., Portaleos, K. M., & Johnson, B. A. (2025). Employing systems-based simulation to increase patient safety and maintain efficiency during the transfer of NICU patients. Clinical Simulation in Nursing, 105, 101773. https://doi.org/10.1016/j.ecns.2025.101773
  5. Lukas Peter Mileder, Bernhard Schwaberger, Nariae Baik-Schneditz, Mirjam Ribitsch, Pansy, J., Raith, W., Rohrleitner, A., Günter Mesaric, & Berndt Urlesberger. (2023). Sustained decrease in latent safety threats through regular interprofessional in situ simulation training of neonatal emergencies. BMJ Open Quality, 12(4), e002567–e002567. https://doi.org/10.1136/bmjoq-2023-002567
  6. Yamada, N. K., & Halamek, L. P. (2023). The Evolution of Neonatal Patient Safety. 50(2), 421–434. https://doi.org/10.1016/j.clp.2023.01.005